Hinschauen lohnt sich: Dan Flavins Licht „in situ“

Dan Flavin, untitled, 1996

Auf meiner Amerikareise im Jahr 2013 fand ich eine Perle der Lichtkunstgeschichte im texanischen Houston. Richmond Hall gehört zur bekannten Menil Collection und beherbergt ein spätes Werk von Dan Flavin (1933-1996). Der Künstler erhielt 1996 den Auftrag für ein „in situ“-Projekt. Er veränderte nichts an der Struktur der fast 70 jährigen Architektur und konzipierte eine Lichtinstallation in drei Teilen. Während der Realisierung verstarb Flavin und sein Entwurf wurde von seinem Studio fertiggestellt.

Dan Flavin, untitled, 1996 (detail). Green fluorescent tubes and metal fixtures.

Ich besuchte Richmond Hall zu einer sonnigen Tageszeit, weshalb ich den grün leuchtenden Fries an der Ost- und Westseite des Gebäudes übersah. Grünes Licht erzeugt das stärkste Licht und hat die grösste Reichweite. Nachts strahlt es weit in die Umgebung. Früher vermischte es sich mit der Neonbeleuchtung der umliegenden Geschäfte. Eine Dekoration, die lichttechnisch ganz der damaligen Zeit entsprach, aber auch zu Geschichte des Gebäudes passte. Es wurde nämlich ursprünglich als Lebensmittelhandlung genutzt.

In der Lobby hat Dan Flavin zwei Sets von Tageslicht-Neonlampen diagonal platziert und auf die Ecken ausgerichtet. Das Werk ist eine Anlehnung an eine frühe Lichtskulptur, The diagonal of May von 1963. Der US-Amerikaner Flavin ist ein Pionier der Lichtkunst. Er zählt heute aber auch zu den weltweit bedeutendsten Vertretern der Minimal Art. The diagonal of May ist denn auch dem rumänischen Künstler Constantin Brancusi (1876 – 1957) gewidmet. Dieser war bereits zu seiner Zeit ein Spezialist für die Reduktion von Objekten.

Dan Flavin, untitled, 1996 (detail) In der Haupthalle hat Flavin die Ost- und Westwand mit verschieden farbigen Neonröhren bestückt. Faszinierend ist deren Anordnung: Der Künstler stellt nicht wie in der Lobby zwei gleiche Neonlichter hochkant aneinander. Er bringt, über- und unterhalb einer dunkelvioletten Linie aus Schwarzlicht-Röhren, leicht versetzt, eine Folge von vertikal angebrachten Vorrichtungen an. Die rosa, gelben, grünen und blauen Röhren sind je an einem Metallteil befestigt, unten und oben in die jeweils andere Richtung.

Dan Flavin, untitled, 1996 (detail)

Je nach Standort leuchtet das Neonlicht ober- oder unterhalb der horizontalen Linie, oder es wird vom Metall reflektiert. Um ein Maximum vom Lichtraum zu profitieren, sind die Besucher angehalten, sich im Raum zu bewegen. Die Farbintensität wird durch den Tages- und Nachtrhythmus gesteuert, aber auch durch das Schwarzlicht, dessen Strahlung fluoreszierende Stoffe zum Leuchten anregt.

Dan Flavins Rauminstallation trägt den schlichten Titel untitled. Eine Widmung, eine sonst gängige Praxis des Künstlers, gibt es keine. Aber der Künstler zollt in Richmond Hall der Architektur und auch der Geschichte des Gebäudes seinen vollen Respekt.
Dan Flavin, untitled, 1996 (detail)

Dan Flavin, untitled, 1996 (detail)

 

Dan FlavinDan Flavin, untitled, 1996 (detail)

Bilder

Titelbild:
Dan Flavin, untitled, 1996. Pink, yellow, green, blue, and ultraviolet fluorescent tubes and metal fixtures. Installation view, Richmond Hall, The Menil Collection, Houston

Abb 2: Dan Flavin, untitled, 1996 (detail). Green fluorescent tubes and metal fixtures. Exterior of Richmond Hall, The Menil Collection, Houston.

Weitere Bilder:
Dan Flavin, untitled, 1996 (detail). Pink, yellow, green, blue, and ultraviolet fluorescent tubes and metal fixtures. Installation view, Richmond Hall, The Menil Collection, Houston.

Thanks to The Menil Collection for providing me all the photos.

Über Lichtfarben

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