Travelling waves – Anthony McCall

Anthony Mc Call, "Leaving (With Two-Minute Silence), 2009", Foto: Stefan Rohner

Zeichnende Filmprojektoren, abgedunkelte Räume und Nebelsprüher sind die gängigen Darstellungsmittel des englischen Lichtkünstlers Anthony McCall. Dieser konzipiert faszinierende Lichtinstallationen und hat damit grossen Erfolg. Seit seiner Rückkehr als Lichtkünstler im Jahr 2003 hat er in namhaften Institutionen wie dem Kunsthaus Zürich, dem Museum of Modern Art in New York, dem Centre Georges Pompidou in Paris, der Serpentine Gallery in London und dem Moderna Museet in Stockholm ausgestellt. An der London 2012 Cultural Olympiad bot man ihm die Möglichkeit, seine Arbeit „Column“, eine sich drehende Säule aus Wolken, die senkrecht von der Oberfläche des Wassers in den Himmel steigt, zu realisieren.

Anthony McCall, "Leaving (With Two-Minute Silence)", 2009In der Lokremise in St. Gallen sind zurzeit zwei Installation McCalls zu sehen. Kürzlich war ich vor Ort: Ich betrete unvorbereitet und ahnungslos einen grossen „schwarzen“ Raum. Ich höre Geräusche, Musik? Noch während sich meine Augen auf die Dunkelheit einstellen, entdecke ich Lichtprojektoren. Diese zeichnen in schmalen Strichen geometrische Linien und Formen an die Wand. Das aus dem Projektor strömende Licht wird im nebligen Raum reflektiert. Es entstehen Lichtkegel, die innen hohl sind und die sich den „Travelling waves“, dem stetig fortschreitenden Verlauf der Lichtzeichnung, anpassen. Nach kurzem zögern dringe ich zum „Hohlraum“ durch. Ich kann mich im Innern des Kegels bewegen. Fasziniert schaue ich zu, wie die Licht- und Nebelwände auf die zeichnenden Projektor reagieren und sich dadurch laufend neue Ansichten ergeben. Das Licht begrenzt den Raum immer wieder neu. Andere Ausstellungsbesucher ziehen es vor, mit dem Licht und der Zeichnung an der Wand zu interagieren. Beeindruckt setze ich mich hin und bestaune die zwei- und dreidimensionalen Lichtereignisse. Diese sind eigentlich nur als Projektion vorhanden. Dank dem Einsatz von Nebel, treten sie im Raum plastisch und beinahe greifbar in Erscheinung.

Anthony McCall. "You and I, Horizontal (III)", 2007, Gallerie Aboucaya, Foto Swann de OliveiraDie Entwicklung von McCalls Lichtskulpturen begann im Umfeld der Londoner Avantgarde-Filmer. 1973 zog McCall nach New York, wo er vorwiegend am Konzept seiner Solid Light Films arbeitete. Noch im gleichen Jahr entstand das kunsthistorische Schlüsselwerk, „Line Discribing a Cone“. Das Licht des Filmprojektors erschafft im Raum einen Kegel, gewissermassen eine Lichtskulptur auf Zeit: „It is the first film to exist in real, threedimensional space“, kommentierte Anthony McCall sein Werk.

Ende der 70er Jahre zog sich McCall als praktizierender Künstler zurück und arbeite fortan vorwiegend als Grafikdesigner. Erst 2003 entstand eine erste neue Arbeit. Es folgten weitere Solid-Light-Installationen, nun mittels digitaler Technik, anstelle von 16mm Film. Das Kunstmuseum St. Gallen zeigt noch bis zum 21. Juni zwei davon: “Two Double Works”, “You and I, Horizontal (III)” und “Leaving (With Two-Minute Silence)” aus den Jahren 2007 und 2009.

Über Lichtfarben

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Eine Antwort zu Travelling waves – Anthony McCall

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